London nächste Woche - warm, aber alles grau in grau in grau- vereinzelt Sonne - "Lozärner" an einer Vernissage getroffen - immer wieder Diskussion über die öffentliche Finanzierung von Kultur und die damit verbundenen Missstände - Engländerin, die mir mit Tränen in den Augen sagt, meine Haarfarbe erinnere sie an ihre jung verstorbene Mutter - Nachtessen mit grässlich gekleideter aber sehr lustiger Polin und ausufernde Schauermärchen über einen Aufenthalt in London an dessen Ende sie dank einer Wanzenattacke ihr ganzes Hab und Gut wegschmeissen musste - l. der zuhause Kant liest und meint, Kant auf französisch sei wie Hegel auf deutsch (????)
An folgenden Punkten erkennt man leicht dass es hier immer frühlingshafter wird:
- Die Junkies stehen in immer grösseren Scharen vor der Suppenküche um die Ecke
- Morgens um halb 5 ist es angenehm lau
- Vor dem Fenster hats am Nachmittag ein riesen Geschrei (= immer mehr Kinder auf dem Spielplatz)
- Unsere neues Programm ist pink-hellgrün
- Der Chor hält Osterferien (das hab ich bemerkt als das Lokal zur Probezeit geschlossen war)
- Die Engländer, die sich in Paris aufhalten haben erstaunlich wenig an
- Die Leute, die bei der Marie das Büromaterial verwalten haben Frühlingslaune, anders kann ich mir den (ersten!!) riesigen Materialtransport von heute morgen nicht erklären
- man kann draussen Znacht essen (mit Wärmelampe, aber es geht!)
- l. schaut beim Gitarre spielen ab und an aus dem Fenster
In der Métro gibt es ja seltsame Leute zu hauf. Deshalb schreibe ich es eher gewissen paranoiden Züge meinerseits zu, wie ich eine einzelne Mitreisende heute wahrgenommen habe: Ich setzte mich in ein Viererabteil mit dem Rücken in Fahrtrichtung und las ganz entspannt die neben mir liegende Abendzeitung als beim dritten Halt plötzlich etwas meinen Hinterkopf streifte. Ich drehte mich und bemerkte ein langes, graues etwa kleinfingerdickes Seil, dass von behandschuhten Händen gehalten wurde und das offensichtlich meine Haare gestreift hatte.
Seltsam berührt, versuchte ich unauffällig den Besitzer des Seils zu inspizieren (kein leichts Unterfangen, sass ich ja mit dem Rücken zu ihm). Als beim nächsten Halt mein Gegenüber rausmusste, nutzte ich die Gelegenheit mich so zu positionieren, dass ich die Person im gegenüberliegenden Spiegel genauer betrachten konnte. Es handelte sich um eine Frau mit langen, offenen Haaren, kantigen Gesichtszügen, einer "Dächlikappe" und einer Sonnenbrille mit sehr dunkeln Gläsern. Sie trug einen langen, dunkelblauen Mantel, bis zum Hals zugeknüpft. Mit der Hand, die das Seil hielt, fixierte sie gleichzeitig einen sehr alten und abgewetzen Lederkoffer.
Ich fühlte mich zunehmend unwohl. In meinem Geist spielten sich all die Erdrosselungs-Szenen aus sonntagabendlichen Tatortkrimis ab und ich überlegte mir ob mir der dickliche Mann schräg gegenüber wohl zu Hilfe eilen würde, wenn die Verrückte (so nannte ich sie inzwischen) hinter mir mich plötzlich erdrosseln würde. Hätte er überhaupt die Kraft das Seil zu lösen wenn sie erst so richtig zuzog? Hätte sie - die Verrückte - denn überhaupt die Kraft mich zu erdrosseln? Wohl schon, schliesslich können solche Leute doch ungemeine Kräfte entw... St.Michel! Ich musste raus! Gottseidank!
Vielleicht sollte ich in Zukunft bewusst verfolgen wie
dieser junge Mann anstatt mich verfolgt zu wähnen :-)
Diese Woche triffts die andere Praktikantin...
Es wird immer schlimmer mit dem Praktikanten tun. Ich weiss nicht mehr was machen, bin ständig unter Druck, schlafe nicht mehr gut, habe je nachdem auch mal einen Heulkrampf und mein Aktionsradius ist so eingeschrenkt, dass ich heute zum erstenmal seit einer Woche nicht nur meinen Arbeitsweg hin- und zurückgelaufen bin (wohlgemerket, das sind 200m), sondern sogar zum nächstgelegenen Boulvard gegangen bin um Geld abzuheben! Wow! Und das obwohl Paris doch 20 Arrondissments hat. Z-W-A-N-Z-I-G, nicht ein halbes!
Ich habe entweder ein Problem mit Autoritätspersonen, eine generelle Arbeitsallergie oder ich habe einfach den falschen Betrieb erwischt. Oder alles zusammen. Und der Gedanke noch bis Ende Juni dort zu bleiben macht mir Ausschlag und Herzrasen. Auf alle hab ich wohl gerade das, was man landläufig eine Krise nennt. Hoffentlich bringt mich das Konzert von heute abend auf andere Gedanken.
Und ich hab gedacht Paris sei die Stadt der Liebe, gopfertori!
Eure Drohungen überzeugen mich, ich blogge! Zu gross ist die Angst, dass das wirklich ernsthafte Konsequenzen haben könnte (ja, die vom zwischenbericht, dein auf den Tischklopfen fürchte ich besonders fest).
Aber: Wenn ihr mich schon unter Druck setzt (schluchz), dann erwartet bloss nicht, dass die folgenden Zeilen euch interessieren könnten. Es ist hier nämlich grad langweilig (ja auch in Paris ist das möglich!!!). Zwar besuche ich brav Ausstellungen, habe ein mehr oder minder reges Sozialleben und einen wirklich (!!!) nervenaufreibenden und zeitintensiven Job, aber sonst passiert nicht viel.
Eine kleiner Ausschnitt des heutigen Nachmittags muss euch also genügen: Heute hatten wir in unserem Kulturzentrum eine Vernissage einer sehr schönen Ausstellung mit dem klingenden Titel "Le hammam dévoilé". Die beiden Künstler
Pascal Meunier und
Anna Puig Rosado haben mit viel Zeit und Einfühlungsvermögen wunderschöne Porträts von den sehr intimen Badeszenen in unterschiedlichen Hammams rund ums Mittelmeer gemacht, die sie, mit Musik und Annekdoten diverser Hammambesucher angereichert, präsentiert haben. Alles in allem also ein sehr schöner Event....eigentlich.
Bloss ist unser Zentrum so schlecht ausgestattet, dass wir die Photos nicht mal beleuchten konnten, wie es hätte sein müssen, da wir in einer ehemaligen Schule untergebracht sind und sich eine bestimmte Person einen Deut darum schert, sich um das notwendige Equipement zu kümmern. Und das ist erst die Spitze des Eisberges. Wir haben nämlich auch keine Künstlerloge oder gar Duschen, so dass ich die Fotografin kurzerhand mit zu mir nach Hause genommen habe, damit sie sich nach der Montage der Ausstellung zumindest schnell für die Vernissage frisch machen konnte, la pauvre.
Gestern im Bois de Boulogne: Nach ausgiebigem Spaziergang fanden wir einen dieser verheissungsvollen Stände, die warme Waffeln verkaufen. Da man sich ja sonst nichts gönnt (mal abgesehen von diesem wunderbar herrlichen Frühlingsspaziergang), war die Entscheidung rasch gefällt: Waffeln mit Schokolade sollten es sein, ofenwarm und extrem süss. Gesagt, getan, 5 Minuten später standen wir da mit diesen Köstlichkeiten.
Während selbst kleine Kinder ihre Waffeln spazierend verschlangen, war es mir nicht vergönnt, mich gleichzeitig der Waffel und dem Weg zu widmen. Ich stellte mich also an den Wegrand und versuchte der Waffel Herrin zu werden; es wollte mir aber partout nicht gelingen. Während die kleinen Kinder, ihre Eltern und auch L. die Waffeln ganz normal essen konnten, bekleckerte ich meine Jacke, meine Hose, meine Schuhe, meine Socken und den Weg ausgiebig mit Schokolade (Gesicht und Hände sollen an dieser Stelle galant ausgelassen werden). Die kleinen Kinder zeigten mit dem Finger auf mich und gabe vielsagende Laute wie "Bäh" von sich und die Eltern verzogen das Gesicht. Einzig L. zeigte Mitleid und half mir zumindest die offensichtlichen Schokoladeflecken zu entfernen (Gesicht...), jedoch nicht ohne dabei mit seinem lauten Lachen (ja echt!) noch mehr Leute auf mich aufmerksam zu machen. Herzlichen Dank an dieser Stelle!!
Kaum 3 Tage geschafft und schon 5 Stunden Überzeit. So ists! Und heute dank Abwesenheit der Chefin und Nierenkolik der Mitarbeiterin den Laden auch schon einen halben Tag allein geschmissen (ein grosses Wort, schliesslich hab ich ja noch nicht so den Überblick was man alles schmeissen kann). Zu den glorreichen Aufgaben des Tages gehörte: Den Informatikdienst zu informieren dass der Rundmail Versand permanent fehlschlägt, die Chefin erreichen, den Typen vom Hausdienst dazu zu bewegen endlich Klopapier zu liefern (ja, hier herrschen andere Zustände :-)), von der Seife ganz zu schweigen, die Chefin erreichen, den Informatikdienst belästigen weil ich meinen Emailaccount immer noch nicht habe (bald kenn ich da alle), die Chefin erreichen, Rendez-vous festsetzen, Rendez-vous absagen, die Chefin erreichen. Schliesslich kam dann aber alles gut und der krönende Abschluss des Tages war das Visionnieren einer eeeeextrem schlecht gespielten, ägyptischen TV-Serie ("Da spielen alle grossen Schauspieler des ägyptischen Kinos mit" Aha...) aus den Achtzigern über das Leben eines wichtigen ägyptischen Literaten um die Jahrhundertwende. So ist's!